Claudi 666 Teil 10
Heil
Satan!
Heil Dunkelheit!
Heil schwarz!
Heute
ist Freitag und mein Bruder ist zu Mittag von Wien heimgekommen.
Gleich im Auto,
wo wir ihn vom Bahnhof abgeholt haben,
habe ich ihm ganz stolz erzählt, dass
ich die blöden alten Kassetten und
Schallplatten von ihm einem berühmten Sänger
verkauft habe. Ich habe gesagt,
dass er richtig stolz auf mich sein kann, weil
die dummen alten Sachen braucht eh
keiner mehr und er soll froh sein, dass ich
mir so viel Mühe gegeben habe, jemanden
zu finden, der den Müll haben will.
Mein Bruder hat am Anfang etwas ungläubig
geschaut und gesagt, dass ich das
noch einmal ganz genau erzählen soll.
Ich habe es ihm noch einmal erzählt und
dann hat er begriffen, dass es kein
Scherz ist. Ich habe ihn angelächelt und
ihn gefragt, was ich als Belohnung bekomme.
Mein Bruder ist ganz weiß im
Gesicht geworden und dann plötzlich ganz rot.
Er hat zu zittern angefangen. Ich
glaube, er hat sich sehr gefreut. Dann wollte er etwas sagen,
aber weil meine
Eltern dabei waren, hat er es nicht getan. Belohnung habe ich aber keine
bekommen. Nur wo wir alle hintereinander bei der Wohnungstüre hineingegangen
sind,
hat er mir ‚Du wirst schon noch sehen, was du davon hast’ zugezischt.
Ich war den ganzen
Nachmittag gespannt, was er für eine Überraschung für mich
hat, aber es ist nichts passiert.
Er hat nur mit meinen Eltern im Wohnzimmer
geschrieen, aber warum weiß ich nicht. Irgendwas von
‚zusperren’ und
‚aufpassen’ und ‚kein Vertrauen’ habe ich gehört. Vielleicht will er ja
ganz nach Wien ziehen.
Am Abend bin ich wieder mit der Melitta fortgegangen. Ich habe mir extra mein
cooles rotes Sisley-Girlieshirt angezogen und eine rote Skaterhose und eine
blaue
Sonnenbrille aufgesetzt, weil das bei Satanisten auch ‚in’ ist, sagt
die Melitta.
Sie hat wieder das gleiche wie immer angehabt. Wir wollten wieder
in das coole
Satanistenlokal gehen, aber dort haben sie uns nicht
hineingelassen, weil sie jetzt
Türsteher haben. Die sagen, man braucht jetzt
einen Ausweis, um zu zeigen, dass
man schon sechzehn ist, sonst darf man nicht
mehr hinein. Wir werden uns Ausweise
fälschen, aber wir wissen noch nicht wie.
Also sind wir in ein anderes Lokal gegangen,
wo man mit zwölf hinein darf. Das
Lokal heißt ‚Schülerzentrum Rettet das Kind’ und ist
gleich beim Bahnhof.
Leider darf man dort nicht rauchen und trinken, aber die alten
Damen dort sind
richtig nett. Sie passen auf die Kinder auf und wollten von uns wissen,
zu
welcher Sekte wir gehören. Wir haben gesagt, dass wir unsere eigene Sekte
haben.
Die alten Damen waren Christen und wollten uns bekehren. Aber das wollten
wir nicht, weil Satan viel
cooler ist als der Gott. Deshalb sind die Melitta und
ich dann wieder gegangen, weil uns die Frauen so
genervt haben. Wir sind ein
bisschen bei der Busstation herumgesessen und haben Wein aus der
Packung
getrunken, den wir uns bei der Tankstelle gekauft haben. Kind sein ist echt blöd,
nichts darf man.
Um sieben Uhr hat uns meine Mama abgeholt und nachhause geführt.
Zuhause bin ich gleich in mein Zimmer gegangen, weil ich es so gemein gefunden
habe,
dass wir nicht mehr in das Satanistenlokal dürfen. Aber in meinem Zimmer
war es ganz anders.
Es waren keine Poster mehr auf den Wänden und das verkehrte
Kreuz aus Karton war auch nicht mehr da.
Alle meine Poster und Bravo Hefte und
gebrannte HIM und Marilyn Manson CDs sind zerbrochen und zerrissen am
Boden
gelegen. Ich habe gleich zu weinen angefangen, weil die Poster echt teuer waren
und ich keinen
CD Brenner zuhause habe. Weil ich so laut geweint habe, sind
meine Eltern nachschauen gekommen.
Ich habe ganz laut geschrieen, wer das war.
Meine Eltern werden denjenigen bestimmt bestrafen,
habe ich mir gedacht. Aber
meine Eltern haben nur ‚Endlich ist das Satanszeug weg’ gesagt und
gelacht
und gemeint, meine Phase wäre wohl bald vorbei. Mein Bruder ist auch in der Türe
gestanden
und hat gelacht. Ich habe das ganz gemein von ihm gefunden. Schließlich
habe ich mich so bemüht,
seine alten wertlosen Sachen zu verkaufen und er hat
ja gar keine Ahnung, wie schwer und teuer es
ist, die ganzen Bravo Hefte
nachzubestellen, damit ich die Poster wiederbekomme und außerdem muss
mir jetzt
jemand die ganzen CDs wieder brennen. Weil ich so beleidigt war und nicht mehr
gewusst habe,
was ich ohne meine satanistischen Poster machen soll, habe ich
einen Plan ausgeheckt. In der Nacht,
wo meine Eltern schon geschlafen haben,
habe ich aus ihrer Brieftasche einen Hunderter
herausgenommen und bin zur
Tankstelle gegangen und habe mir zwei Flaschen Wein gekauft.
Ich wollte alles
vergessen und tot sein. Ich habe den Wein in meinem Zimmer ganz alleine
ausgetrunken und irgendwann war mir schlecht und ich bin bewusstlos geworden.
Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht, weil ich Durst gehabt habe.
Da habe ich
bemerkt, dass ich gar nicht mehr zuhause war, sondern im Krankenhaus.
Eine
Windel habe ich angehabt und eine Infusionsnadel im Arm, mit einem langen
Schlauch,
wo Flüssigkeit hineingetropft ist und eine Krankenschwester und meine
Eltern sind um mich
herumgestanden und mein Bruder auch. Meine Eltern haben ganz
laut mit mir geschrieen,
dass ich nur Probleme mache und eine Alkoholvergiftung
habe und dass sie mich ins
Irrenhaus einweisen lassen werden. Ich habe zu weinen
angefangen und mein Kopf hat mir ganz wehgetan.
Die Krankenschwester hat gesagt,
ich soll weiterschlafen und meine Eltern hinausgeschickt.
Sie sagt, dass meine
Eltern das morgen mit dem Arzt besprechen sollen.
Ich bin gleich wieder eingeschlafen und habe ganz viele Alpträume gehabt. Weil
nämlich, eingewiesen werden will ich nicht.
Eure
Claudy666
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